W.2

...Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist...
 
...warum Weihnachten dann...
 
nur an Weihnachten...???


Ein paar schöne Gedichte :

Markt und Straßen stehen verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt
Tausend Kindlein stehen und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heiliges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
Steigst wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit



Ein jedes Jahr hat seinen Sinn,
ein jedes Jahr hat seinen Segen.
So wie es kommt, so nimm es hin,
nimm Sonne, Wind und Regen.

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus, den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin - bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Heiligkeit.

( Rainer Maria Rilke )




Kerzen, Sterne, Glockenklänge,
kalte Nasen, warmes Licht,
Kinderherzen sehen Engel,
Schneegestöber, weiß und dicht,
Weihnachtszeit, ich sing Dein Lied,
schön, dass es Dich gibt.

Wege, die zusammenführen,
alte Freunde neu bedacht,
Wünsche haben off`ne Türen
auf dem Weg zur stillen Nacht,
Weihnachtszeit, dies ist Dein Lied,
schön, dass es Dich gibt.




Weihnachten


Ich wünsche Dir Gemütlichkeit...

Ich wünsche Dir Gemütlichkeit
mit Kachelofen und Katzenschnurren,
ein Restchen vielleicht von der guten alten Zeit,
fern von der Stadt, wo die Motoren surren.

Schlüpf ins gewohnte bequeme Gewand,
stell Dir Musik ein, ganz leise, vom Band,
setz auf den Tisch eine Kanne mit Tee,
rück Deinen Sessel dann ganz in die Näh
von dem alten, vertrauten Bücherbord
und greif aus dem Schatz Dir
ein tröstliches Wort!

Umgeben von so viel Gemütlichkeit,
bringt Dich dann sicherlich lange Zeit
von dem Dir so lieb gewonnenen Ort
keiner mehr fort…

©Elli Michler


- Zeit der Besinnung, Zeit der Wunder -

Die Adventszeit hat für sehr viele Menschen noch eine große Bedeutung. Zwar zeigt sich ihre Bedeutung oft in der Beschäftigung mit Äußerlichkeiten wie Weihnachtseinkäufe erledigen, Weihnachtskarten versenden usw. - der besonderen Energie in dieser Zeit kann sich trotzdem kaum jemand entziehen. Obwohl es in unserer Zeit wenig üblich ist, sich zu besinnen, sich selbst, eigene Vorhaben, Ziele, Verhaltensweisen zu hinterfragen, macht sich doch eine festliche Stimmung breit.
Straßen, Läden und Häuser werden liebevoll geschmückt, Plätzchen gebacken, Kerzen werden öfter als sonst angezündet, es werden Überlegungen angestellt, wie man seinen Liebsten eine Freude bereiten kann.
Diese besondere Energie die in der Vorweihnachtszeit vorherrscht, beeinflusst uns Menschen sehr sanft. Sie schenkt uns Selbsterkenntnis, öffnet unsere Herzen, macht nachdenklich, stimmt freudig - oder auch traurig.
Sie weckt leise verdrängte, verletzte, verhärtete Seelenanteile in uns, sie reinigt uns und will uns dabei helfen, uns selbst zu heilen und zu verändern.
Sie will das, was uns auf unserem Lebensweg eher hinderlich ist, ins Bewusstsein treten lassen, damit wir uns damit auseinandersetzen.
Diese Energie kann Wunder vollbringen, in uns, in unserem Umfeld, auf der ganzen Welt. Wer die Zeit der Besinnung bewusst nutzen will, der kann sich mit dieser Kraft verbinden, sie einladen, in ihm das Licht der Erkenntnis zu entzünden, seinen Weg zu beleuchten und ihn darauf aufmerksam machen, was hinderlich oder überflüssig geworden ist.
Das erfordert die Bereitschaft, sich wirklich mit den eigenen Schatten konfrontieren zu wollen, die Bereitschaft, Altes los zu lassen, sich von dem zu trennen, was das Herz schwer werden lässt oder den Geist blockiert.
Das können Gedanken, Erinnerungen, Emotionen sein, aber auch Mitmenschen, Gegenstände, Träume.
 
Der Advent soll uns vor Augen führen, dass jeder einzelne Mensch, auch wir selbst, einzigartig, kostbar, von großer Bedeutung für die gesamte Welt sind. Jede einzelne Fähigkeit die wir haben, jedes Talent, das wir einbringen, jede Charaktereigenschaft, die wir veredeln, sind unentbehrlich für die Entwicklung der Menschheit, haben Einfluss auf das Geschehen der Welt. Wir streben danach, große Wunder zu erleben oder selbst zu wirken.
Wir bewundern diejenigen, die sich für das Wohl des Ganzen einsetzen, und diejenigen, die scheinbar einen ganz besonderen Draht nach oben zu haben scheinen. Die zahllosen Wunder, die wir selbst tagtäglich vollbringen, übersehen wir dabei völlig. Vieles ist für uns normal, was in anderen Teilen der Welt, oder von denjenigen, die es nicht können, bewundert wird.
Wenn man jemanden aufmuntert, wenn man jemandem echte Hilfe und Aufmerksamkeit schenkt, wenn man in der Lage ist; Begeisterung zu wecken, zu motivieren oder ehrliche Anerkennung auszusprechen, wenn man den Mut hat, die Wahrheit zu sagen, ehrlich und aufrichtig zu sein, für sich oder andere einzustehen, wenn man anderen das Gefühl gibt, sie so zu lieben und zu akzeptieren, wie sie sind, wenn man Kinder großzieht usw., dann vollbringt man kleine Wunder.
Führen wir uns vor Augen, wie viele Wunder wir wirken, die wir selbst schon gar nicht mehr als solche betrachten, - würdigen wir unsere Fähigkeiten.

 

Es ist die Zeit der Herbergssuche –
geben wir uns selbst, unserer Seele,
eine Herberge -
in uns.
 
(Verfasser mir nicht bekannt)
 

- 2 -

Einsam am Heiligen Abend

Jedes Mal wenn Weihnachten kommt, muss ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.
 
Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut, im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.
 
Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. „Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?" fragte ich einmal meine Mutter. „Ja, man sagt's." - „Ja ... ich hab' ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte ..."
 
Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist", sagte meine Mutter. „Hat er denn keine Geschwister?" fragte ich. „Nein - er ist ganz allein auf der Welt..."
 
Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.
 
Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter Schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.
 
Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. „Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?" - „Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause."
 
Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem „Zuhause". - In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß - ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.
 
Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: „Du bist ein guter, kleiner Bub." Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.
 
Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte „gebrüllt". Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend..."
 
Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

© Herman Bang Kontakt / Impressum

-