Hier meine Lieblingsgeschichten...


Der Seelenvogel

Tief, tief in uns wohnt die Seele. Noch niemand hat sie gesehen, aber jeder weiß, dass es sie gibt. Und jeder weiß auch, was in ihr ist.
In der Seele, in ihrer Mitte, steht ein Vogel auf einem Bein. Der Seelenvogel. Und er fühlt alles, was wir fühlen. Wenn uns jemand verletzt, tobt der Seelenvogel ins uns herum, hin und her, nach allen Seiten, und alles tut ihm weh. Wenn uns jemand lieb hat, macht der Seelenvogel fröhliche Sprünge, kleine lustige, vorwärts und rückwärts, hin und her. Wenn jemand unseren Namen ruft, horcht der Seelenvogel auf die Stimme, weil er wissen will, ob sie lieb oder böse klingt. Wenn jemand böse auf uns ist, macht sich der Seelenvogel ganz klein und ist still und traurig. Und wenn uns jemand in den Arm nimmt, wird der Seelenvogel in uns größer und größer, bis er uns fast ganz ausfüllt. So geht es ihm dann.
Ganz tief in uns ist die Seele. Noch niemand hat sie gesehen, aber jeder weiß, dass es sie gibt. Und noch nie, noch kein einziges Mal wurde ein Mensch ohne Seele geboren. Denn die Seele schlüpft in uns, wenn wir geboren werden und verlässt uns nie, keine Sekunde, solange wir leben. So, wie wir auch nicht aufhören zu atmen, von unserer Geburt bis zu unserem Tod.
 
Sicher wollt ihr auch wissen, woraus der Seelenvogel besteht. Das ist ganz einfach zu erklären. Er besteht aus Schubladen. Diese Schubladen können wir nicht einfach aufmachen, denn jede einzelne ist abgeschlossen und jede hat ihren eigenen Schlüssel. Und der Seelenvogel ist der einzige, der die Schubladen öffnen kann. Wie ? Auch das ist ganz einfach : Mit dem Fuß.
 
Der Seelenvogel steht ja auf einem Bein. Das zweite hat er, wenn er ruhig ist, an den Bauch gezogen. Mit diesem Fuß dreht er den Schlüssel zu der Schublade um, die er öffnen will, zieht am Griff und alles, was drin ist, kommt zum Vorschein.
 
Und weil alles, was wir fühlen, eine Schublade hat, deshalb hat der Seelenvogel viele Schubladen. Es gibt eine Schublade für Freunde und eine für Trauer. Es gibt eine Schublade für Eifersucht und eine für Hoffnung. Es gibt eine Schublade für Enttäuschung und eine für Verzweiflung. Es gibt eine Schublade für Geduld und eine für Ungeduld. Auch für Hass und Wut und Versöhnung . Eine Schublade für Faulheit und Leere , und eine Schublade für die geheimsten Geheimnisse . Diese Schublade wird fast nie geöffnet. Es gibt auch noch andere Schubladen. Ihr könnt selbst wählen was drin sein soll.
 
Manchmal sind wir eifersüchtig, ohne dass wir es wollen. und manchmal machen wir etwas kaputt, wenn wir eigentlich helfen wollen. Der Seelenvogel gehorcht uns nicht immer und bringt uns manchmal in Schwierigkeiten....
 
Man kann schon verstehen, dass die Menschen verschieden sind, weil sie verschiedene Seelenvögel haben. Es gibt Vögel, die jeden Morgen die Schublade Freude aufmachen. Dann sind die Menschen froh.
 
Wenn der Vogel die Schublade Wut aufmacht, ist der Mensch wütend - und wenn er sie nicht mehr zuschließt, hört der Mensch nicht mehr auf wütend zu sein.
 
Manchmal geht es dem Vogel nicht gut. Dann macht er böse Schubladen auf. Geht es dem Vogel gut, macht er Schubladen auf die uns gut tun.
 
Manche Leute hören den Seelenvogel oft, manche hören ihn selten. Und manche hören ihn nur einmal in ihren Leben. Deshalb ist es gut, wenn wir auf den Seelenvogel horchen, der tief, tief uns ist. Vielleicht spät abends, wenn alles still ist ....
 
© Michal Snunit und Naama Golombl
 

Das letzte Blatt

Das letzte Blatt fiel vom Baum. Sie sah gerade noch, wie es sich vom Ast löste, bekam gerade noch mit, dass es das letzte Blatt gerade dieses Baumes war. Sie merkte sich die Stelle, an der das Blatt landete und lief hin. Tatsächlich fand sie es unter den anderen vielen Blättern. Das Laub am Boden war nass und gerade dieses eine Blatt fiel unter den anderen Blättern auf. Es sah aus, als würde es noch leben, so voller Hoffnung. Sie hob das Blatt auf und hielt es gegen die blasse Herbstsonne, die nichts als Kälte zu bringen schien. Ja, dieses Blatt lebte noch, dachte sie, es kämpft, es will zurück an den Baum, die Farben sind noch so frisch. Das kleine Blatt tat ihr Leid, weil dessen Kampf ja vergeblich war. Es konnte nicht auf den Baum zurück, es würde am Boden verfaulen. Und aus einer Mitleidslaune heraus, weil sie dieses eine Blatt als den Inbegriff des Lebens sah, steckte sie es in ihre Tasche und nahm es mit nach Haus.
 
Tage später fand sie es wieder, als sie ihre Taschen nach einem Schlüssel durchsuchte. Eigentlich war sie genervt und fertig mit sich und der Welt. Die Menschen sind so kalt. Und diese Kälte bereitete ihr Schmerzen. Aber nun...
 
Sie nahm das Blatt wieder in ihre Hand und zu ihrer Verwunderung war es weder zerknittert noch vertrocknet. Es sah noch immer stark aus. Die feinen Poren schienen zu pulsieren, zu atmen. Sie ging zum Waschbecken, ließ etwas Wasser auf ihre Hand träufeln und legte das Blatt auf ihre nasse Haut. Die feinen Lebenslinien des Blattes schienen nun zu leuchten wie ... wie vor Freude. Und nun lächelte sie selbst. Gott weiß, wie lange sie schon nicht mehr so ehrlich, so frei gelächelt hat.
 
Sie fühlte Dankbarkeit gegenüber diesem winzigen Stück Natur. Wie konnte sie diesem kleinen Wunder ihre Dankbarkeit zeigen? Sie dachte angestrengt nach, fast hätte sie ihre Freude vergessen als ... als das Blatt zu ihr sprach. Es sprach nicht laut, wie die trampeligen Menschen es tun, nein, es sprach in ihrem Kopf. Diese Stimme, schön, sanft voller Vertrauen. Mädchen, warum denkst Du so viel über mich nach? Bin ich so ungewöhnlich? Bin ich Dir wirklich die einzige Freude? Ich weiß, dass ich Dir gefalle. Ich weiß, dass Du meinen vergeblichen Mut bewunderst. Und ich weiß selbst sehr gut wie vergeblich mein Kampf ist. All die Tage, ich habe sie nur durchstanden, weil ich noch einmal Dein Gesicht sehen wollte. Dieses Gesicht, wie in dem Moment, als Du mich an Dich genommen hast. Erst jetzt will ich zu Laub werden, erst jetzt. Nach diesen Worten verschwand alle Kraft aus dem Blatt. Gern hätte sie dem Blatt gesagt, dass es alles ist, was sie auf der Welt hat, die einzige Hoffnung, das einzige Vorbild. Aber nun ... Hoffnung war eine so vergebliche Sache. Und wen Hoffnung stirbt, bleibt Schmerz, so oft hatte sie es schon erfahren.
 
Sie brachte das Blatt an genau die Stelle zurück, an der sie es gefunden hatte. Es sollte seinen vorgesehen Weg gehen. Es sollte nun zerfallen und neue Erde bilden. Vielleicht wird es als noch schöneres, noch kräftigeres Blatt wieder zur Welt kommen.
Sie aber ... Sie wendete sich ab ließ den Baum zurück. Sie nahm sich vor, diese Stelle nie wieder zu besuchen, diesen Weg zu umgehen. Nie wollte sie an das Sterben der Hoffnung erinnert werden. Sie richtete ihren Blick nach vorn und lief, lief bis sie im Herbstnebel verschwand. Ich weiß nicht, wie es in ihrem Leben weiterging, ob sie die Hoffnung wieder fand und zwar unter ihresgleichen unter den Menschen. Oft warte ich an dem Baum auf sie aber ...
 
Selbst wenn sie nach so langer Zeit käme, sie würde mich nicht erkennen....
 
Ich bin der Windstoß, der das Blatt vom Baum löste. Kontakt / Impressum

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